Landnahme durch die igs 2013: Entwerten – Aufwerten – Verwerten

Landnahme durch die igs 2013: Entwerten – Aufwerten – Verwerten
Die IBA Hamburg hat eine Zwillingsschwester: die internationale gartenschau hamburg 2013 – zwar nicht eineiig und auch schon etwas älter, in ihrem Bewegungsradius begrenzter, aber dennoch sind beide ein Herz und eine Seele. So besteht die Geschäftsführung der beiden Durchführungsgesellschaften IBA GmbH und igs GmbH aus denselben beiden Personen, wobei der eine hier, der andere dort den Vorsitz übernommen hat. Vor allem aber sind sie in ihrer Funktion untrennbar, denn: »Gemeinsam mit der Internationalen Bauausstellung Hamburg (IBA Hamburg) ist die igs 2013 zentraler Motor für das Hamburger Stadtentwicklungsprogramm ›Sprung über die Elbe‹.«1 Nachdem der Motor gestartet war, walzte auch die igs über die Insel …Entwertung bestehender Flächen und Nutzungen
Zunächst wurde die Inbesitznahme des für die Gartenschau in Wilhelmsburg vorgesehenen Geländes mit Sprachfiguren wie »ein ehemals von Brachen und Verkehrstrassen zerfurchtes, in Zeit und Raum verloren gegangenes Gelände«2 vorbereitet. Durch stetige Wiederholung der Ausdrücke »Brache« und »Leere« sollten auch die Letzten begreifen, dass hier unverzügliches Handeln der igs geboten sei. Allerdings war das ca. hundert Hektar große Ausstellungsgelände zu Beginn der Übernahme durch die igs ungefähr so »leer« wie eine Talsperre vor der Flutung.
Auf der Hälfte des Areals befanden sich neun Kleingartenvereine mit ca. 850 Parzellen, die in die Gartenschau einbezogen werden sollten. In einer Bewerbungsbroschüre für die igs hieß es dazu: »In freundlicher Nachbarschaft rangeln die alteingesessenen Parzellenpächter um die prächtigsten Blütenpflanzen.«3 Das Ergebnis dieser Rangelei waren 193 zerstörte Parzellen, die zu fünf Vereinen gehörten, von denen einer komplett ausradiert worden war, sowie weitere Kahlschläge auf dem Vereinsgelände. In die Ausstellung sollte nur das integriert werden, was dem Hochglanzformat der igs entsprach. Dem hatte auch die 2007 gegründete Arbeitsgemeinschaft Zornige GartenZwerge nichts entgegenzusetzen, die statt Bestandsgarantien nur bessere Aufklärung und höhere Entschädigungen forderte.4 Inzwischen haben sich die meisten der noch existierenden Kleingartenvereine aus der Ausstellung
1 igs internationale gartenschau hamburg 2013 gmbh. Basisinformation. internationale gartenschau hamburg 2013 (igs 2013) ist moderne Stadtentwicklung in Grün. Hamburg 2012, S. 3. 2 »Ein Stadtteil wird erschlossen«, in: igs internationale gartenschau hamburg 2013 gmbh (Hg.): park news 02/2009, S. 2. 3 Freie und Hansestadt Hamburg, Umweltbehörde (Hg.): Hamburg im Fluss – IGA auf den Inseln. Internationale Gartenbauausstellung 2013 in Wilhelmsburg. Hamburg 2001, S. 44. 4 Vgl. Flugblatt »Arbeits-Gemeinschaft Zornige GartenZwerge Wilhelmsburg« [http://zukunft-elbinsel.de/ForumWIL/ZZ-Einladung%20Maerz-21.pdf].

 
zurückgezogen und sind »ausgezäunt« worden – nur noch drei Vereine, teils stark gerupft und ausgedünnt, sind auf dem Gartenschaugelände verblieben und hoffen auf igs-rosige Zeiten. Das restliche igs-Areal umfasste ein kleineres Gelände, das die Deutsche Bahn nach der Verlagerung des dortigen Containerbahnhofs seit den 1980er Jahren profitneutral der Natur überlassen hatte, sowie einen großen Park mit teils zugewachsenen Biotopen, sodass Pflanzen und Tiere vor Menschen geschützt waren. Um die propagierte »Leere« in diesen und weiteren Bereichen, z.B. für temporäre Parkplätze, herzustellen, wurden mindestens 2.860 Quadratmeter Feuchtwiesen trockengelegt, vier Kilometer laufende Hecke vernichtet und weit mehr als 5.000 Bäume gefällt. Der gewünschte Effekt erinnerte dann an die zerbombten Parks und Grünanlagen der Nachkriegszeit, die durch BUGAs und IGAs bis in die 1960er Jahre wieder aufgebaut wurden.
Der vorgeschriebene Ausgleich für derartige Kahlschläge soll laut Bundesnaturschutzgesetz »in dem betroffenen Naturraum« stattfinden. Die gesetzlich vorgesehenen Ausgleichsmaßnahmen werden allerdings nur weniger als zur Hälfte auf dem igs-Gelände umgesetzt. Die Zerstörung durch die igs- Lärmschutzwand findet ihren Ausgleich an der Doven Elbe im entfernten Bergedorf – der weitaus größte Teil der Ausgleichsflächen befindet sich im Osten der Insel in Moorwerder und Stillhorn. Auch die hierfür vorgesehenen Flächen waren natürlich vor Beginn der Maßnahmen keineswegs »leer«, sondern erneut wurden intakte Biotope zerstört. Die Art des »Ausgleichs« spiegelt die typisch hamburgische Findigkeit wider: So will die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt das Gelände an der Autobahn A 1 »für Wiesenvögel, insbesondere den Kiebitz, interessanter«5 machen. Eigentlich ein löbliches Unterfangen, denn die Wiesenbrüter waren hier in der Tat vor geraumer Zeit durch staatliches Missmanagement vertrieben worden – allerdings nicht von dem durch die igs zerstörten Areal, denn dort gab es gar keine Wiesenvögel. Diese einfallsreiche Interpretation von »Ausgleich« illustriert die grundsätzliche Fragwürdigkeit des Begriffs.
Schließlich stellt sich die Frage, ob und wann die zarten Neupflänzchen denn tatsächlich als Ausgleich für die gefällten Bäume gelten können. Auch ohne fundierte Kenntnisse der Biologie dürfte klar sein, dass Baumersatz viele Jahrzehnte benötigt, und selbst optimistische Kreise wie BSU und Hamburger Abendblatt gehen davon aus, dass mindestens 25 Jahre notwendig sein werden. Entsprechend äußerte sich igs-Geschäftsführer Heiner Baumgarten »Ich werde nicht mehr erleben, dass hier der Specht klopft«, als er im März 2012 medienwirksam eine schüchterne Weißbuche mit fünf Zentimeter Stammdurchmesser ersatzpflanzte. Und selbst der
5 Ergebnisprotokoll der 42. Sitzung des IBA/igs-Beteiligungsgremiums vom 22.6.2010, S. 1.

 
FDP-Abgeordnete Kurt Duwe kam nicht umhin, festzustellen: »Die Zerstörung bestehender Biotope kann nicht Sinn einer Gartenausstellung sein.«6 Die immense Naturzerstörung im Auftrag der igs löste so auch zahlreiche kleinere Proteste aus: von Postkartenaktionen und Unterschriftenlisten über Begehungen und Demonstrationen bis zur leider erfolglosen Besetzung des temporären igs-Parkplatzes.

Ökologische Kollateralschäden mit System
Historisch betrachtet haben sich die bundesdeutschen Gartenschauen seit 1945 vollständig gewandelt. In der Nachkriegszeit sollten diese Veranstaltungen einerseits der Bevölkerung die Themen Gemüseanbau und Selbstversorgung nahebringen, andererseits stand der Wiederaufbau der während des Zweiten Weltkriegs zerstörten Parkanlagen im Vordergrund.7 Am Ende der 1950er Jahre hatte das Wirtschaftswunder die Selbstversorger_innen in die Konsumgesellschaft überführt, überall wurden eifrig Neubauten hochgezogen. Schon zu Beginn der 1960er Jahre gab es kaum noch freie städtische Flächen, die in Parks hätten verwandelt werden können, sodass bereits vorhandene Parks und ehemalige Ausstellungsflächen »saniert« bzw. »überformt« wurden, wie es im Fachjargon heißt. Beispiel Hamburg: 1953 wurde im Rahmen der ersten Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) nach Kriegsende das 35 Hektar große Gelände Planten un Blomen gärtnerisch gestaltet. Für die zweite IGA 1963 wurde das bestehende Ausstellungsgelände um die benachbarten Wallanlagen auf 76 Hektar erweitert und landschaftsarchitektonisch in Szene gesetzt. Die dritte IGA 1973 »überformte« schließlich genau dieselben 76 Hektar mit Neuerungen wie Kinderspielplatz und japanischem Teehaus anstelle der seit 1963 gewachsenen Gehölze. Es geht also schon lange nicht mehr um die Schaffung von Parks für die gestresste Stadtbevölkerung oder um das erlebnisreiche Schnuppern an den »prächtigsten Blütenpflanzen« durch in Reisebussen herangekarrte Touristen, sondern um wirtschaftliche Profite.
Dies ergibt sich schon aus der Organisationsstruktur zur Durchführung von Gartenschauen: Veranstalterin der igs 2013 ist eine GmbH, deren Anteile zu zwei Dritteln der Stadt Hamburg gehören; ein weiteres Drittel der Beteiligung wird – wie bei allen Gartenshows – von der Deutschen Bundesgartenschau Gesellschaft (DBG) gehalten. Im Fokus der DBG steht allerdings nicht der fröhliche Wettstreit um die schönsten Blümchen, sondern als Interessenvertretung des gesamten organisierten Gartenbaus Deutschlands ist ihre
6 Peter Müntz: igs-Ausgleich braucht 30 Jahre. FDP moniert den Umgang mit Flächen und Biotopen, in: Der Neue Ruf vom 24.3.2012, S. 3. 7 Vgl. Sachse, Georg. Zwischen traditioneller Gartenausstellung und Event – Gartenschauen in Deutschland: Risiken und Chancen für die Entwicklung. Masterarbeit. Kassel 2010, S. 26.

 

 

vordringliche Sorge, dass die Aufträge für Arbeiten im Rahmen der Gartenschauen an ihre Mitgliedsunternehmen vergeben werden. Darüber hinaus bieten die Schauen den Firmen eine Präsentationsbühne, die für künftige Produktvermarktung genutzt werden kann. Es ist also eine ganz normale Handelsmesse wie die IAA (Autobranche) oder Cebit (Computernerds) – mit einem winzigen Unterschied im Detail: die Finanzierung. Während nämlich die Kosten für die Durchführung einer Messe üblicherweise von den Branchenfirmen übernommen werden, stellen die Gartenschauen den ausstellenden Betrieben Flächen und Hallen kostenlos zur Verfügung, es gibt sogar eine Entschädigung für z.B. witterungsbedingte »Minderung der Qualität der ausgestellten Ware«.8 Eine in doppelter Hinsicht subventionierte Messe für die Gartenbau-Industrie!
Finanziert werden derartige Subventionen wie auch die Gesamtkosten für die Vorbereitung und Durchführung der igs von der Stadt, mal als Hauptanteilseignerin der igs GmbH oder in Gestalt des Landesbetriebs Straßen, Brücken und Gewässer, gern auch unter dem Namen Projektgruppe Sprung über die Elbe. Eine Refinanzierung durch die erwarteten Besucher_innenströme ist mehr als unwahrscheinlich. Im Gegenteil: Hamburg reiht sich in den defizitären Reigen anderer Großprojekte wie IGA Rostock 2003 (20 Mio. Euro Defizit) ein und toppt diese bei weitem mit der Elbphilharmonie (derzeit 575 Mio. Euro Defizit). Bereits im Januar 2004 informierte der Senat die Bürgerschaft der Stadt Hamburg, dass – selbst bei fünf Millionen Besucher_innen – die igs mit einem wirtschaftlichen Fehlbetrag von 47,1 Mio. Euro abschließen würde.9 Kurzfristige monetäre Effekte? Geschenkt! Denn, so hieß es weiter: »Der wirtschaftliche Fehlbetrag wird durch nicht monetarisierbaren Nutzen – vor allem Imagegewinn der Stadt im In- und Ausland mit Auswirkungen auf den Tourismus und die Wirtschaft und damit auf das Ziel »Wachsende Stadt« sowie Aufwertung des Stadtteils Wilhelmsburg […] – aufgewogen.«10 Aufwertung: das neue Outfit
Während die »Aufwertung des Stadtteils Wilhelmsburg« noch in vollem Gang ist, ist die Gestaltung des Ausstellungsgeländes abgeschlossen. Der Park, durch Kahlschlag gelichtet, ist endlich übersichtlich und begradigt, sodass der öffentliche Haushalt durch minimierte Kosten für die Parkpflege entlastet wird – eine willkommene Kostenreduzierung für kommunale Sparfüchse. Die neu geschaffenen Sichtachsen erleichtern auf natürliche Weise die Überwachung des öffentlichen Raums, damit ist auch in sicherheitsrelevanter Hinsicht die Aufwertung abgeschlossen. Aber auch landschaftsgestalterisch ist das Gelände jetzt
8 Ebd., S. 60. 9 Vgl. Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vom 13.1.2004, Drucksache 17/4026, S. 4. 10 Ebd.

 
aufgewertet: Denn selbst wenn die Blümchen verblüht, die Beete zertrampelt und die Gartenschaubahn wieder abgebaut sein wird, bleibt »eine Art Wahrzeichen«, wie igs-Geschäftsführer Heiner Baumgarten stolz verkündete, nämlich ein erratischer vier Meter hoher Fels bepflanzt mit einer ebenso hohen Schwarzkiefer.11 Auch die Kleingärten sind bestens aufgestellt, ob als Traum vom Süden mit Wein und Oleander oder als Meeresidyll mit Strandhafer und blau blühenden Scillas. Und da nur noch drei Vereine im Gelände verblieben sind, hat die igs selbst eine zusätzliche Kleingartenanlage gebaut, die sie der Dachorganisation der Hamburger Kleingartenvereine anvertraut hat, damit diese den offiziellen Ausstellungsbeitrag erstellt: das mustergültige Kleingartendorf bestehend aus sieben Parzellen, die wahlweise asiatisch oder mediterran ausgestaltet werden dürfen. Eine prächtige und besonders nachhaltige Aufwertung im rau-regnerischen Norddeutschland!
Verwertung: Privatisierung und andere Heimsuchungen
Aber Aufwertung macht – gerade in Zeiten chronisch leerer Staatskassen – natürlich nur Sinn, wenn sich die Räume anschließend ökonomisch verwerten lassen, und so war auch die igs GmbH beauftragt, mutige Investoren für innovative Projekte zu finden, die der Finanzbehörde die hierfür bereitgehaltenen Grundstücke abkaufen. Damit war die igs selbst zwar hoffnungslos überfordert, konnte sich aber auf die tatkräftige Unterstützung durch die Zwillingsschwester verlassen: Zunächst wurde im Zuge des neuen »Masterplans Neue Mitte Wilhelmsburg 2013/2013+« ein Teil des Geländes der IBA überlassen,12 die dieses im Rahmen ihrer »Bauausstellung in der Bauausstellung« verschacherte. Als die igs dann kläglich an der Ausschreibung für ihren Gebäude- und Hallenkomplex am Parkeingang scheiterte, wurde auch diese Aufgabe der IBA übertragen.13
Allerdings konnte die igs Grundstücke und Gebäude zumindest temporär durch Verpachtung oder Vermietung der Öffentlichkeit entziehen. So ist der Besuch des Baudenkmals Wasserwerk in den nächsten zehn Jahren z.B. an den Verzehr »pfannengeschwenkter Pfifferlinge« oder eines »Schnitzels vom Elbwiesenkalb« in der dortigen Restauration gekoppelt. Die 70.000 Quadratmeter des Hochseilgartens können fortan für zweieinhalb Stunden zum regulären Preis von 24 Euro pro Person betreten werden, um geschwind einmal um die Erde zu klettern: von Asien (»erste Klettererfahrungen«) über Afrika und Australien nach Europa (»Für
11 Edda Teneyken: Auf den Kopf gestellt, in: Der Neue Ruf vom 1.12.2012, S. 12. 12 Vgl. Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vom 9.12.2008, Drucksache 19/1754, S. 11f; IBA Hamburg GmbH. Dokumentation: Planwerk Neue Mitte Wilhelmsburg. Hamburg 2009, S. 16f. 13 Vgl. Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vom 6.9.2011, Drucksache 20/1453, S. 6.

 
Fortgeschrittene«) mit dem Ziel Amerika (»Nervenkitzel pur«).14 Nicht weniger ambitioniert mit einem »nachhaltigen Klimakonzept des ›Null CO²-Kletterns‹«,15 aber deutlich preisgünstiger scheint da die Kletterhalle der Nordwandhalle BetriebsGmbH, denn die »Happyday Karte« kostet lediglich 10,50 Euro – zuzüglich zehn Euro für die notwendigen Seile, Gurte usw.
Weitere 12.000 Quadratmeter gingen an die Bäderland Hamburg GmbH u.a. für den Bau des Landesleistungszentrums Wasserball mit internationaler Ausrichtung sowie 4.500 Quadratmeter an den Verein Sport ohne Grenzen e.V., der hier zunächst die igs-Blümchenhalle errichtete, die dann ab 2014 öffentlich subventioniert zu einer bundesligatauglichen Basketballhalle ausgebaut werden soll.
Was aus dem ehemals öffentlich zugänglichen Mengepark nach 2013 werden wird, ist derzeit noch unklar. Unter dem neuen Label Inselpark ist er als Teil des Ausstellungsgeländes bereits seit 2010 eingezäunt und von Wachpersonal besetzt, mithin der Öffentlichkeit für mehrere Jahre entzogen. Daran änderten weder die als »Vandalismus« kolportierten Aktionen gegen Zäune und igs-Infotafeln16 noch eine Protestkundgebung von 120 Leuten unter dem Motto »Der Zaun muss weg« etwas. Dafür gewährte die igs in einer einmaligen, »großzügigen Geste« allen Personen, die ihre offizielle Meldeadresse in Wilhelmsburg/Veddel und ein aufwändiges Antragsverfahren durchlaufen haben, im Jahre 2013 an drei (!) Tagen kostenlosen Zugang zum Park.
Der Verdacht, dass die öffentliche Zugänglichkeit des Geländes auch nach 2013 eingeschränkt bleiben wird, drängt sich auf, wenn die igs einen über das Ausstellungsjahr hinausreichenden Zusammenhang zwischen den privatisierten und anderen Flächen konstruiert: »Beleuchtete Laufstrecken, Bouleplatz, Skateranlage, Schwimmhalle, multifunktionales Spielfeld, Kletterhalle, Hochseilgarten und eine Sport- und Basketballhalle sowie mehrere Spielplätze bieten unzählige Bewegungsangebote für Jung und Alt. Die igs 2013 hat hierzu ein Konzept mit der Marke ParkSport entwickelt.«17
Die letzten Worte des Zitats sind tatsächlich wörtlich zu nehmen: Die igs entblödete sich nicht, im Oktober 2011 »ParkSport« als Wort-/Bildmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eintragen zu lassen. Diese Albernheit gehört zur Vermarktungsstrategie »neues Label = neuer Inhalt« (auch ein »multifunktionales Spielfeld« ist zumindest Älteren noch als »Sportplatz« in Erinnerung). Der Versuch, »mehrere Spielplätze« als igs-Konzept zu verkaufen, also zu
14 Prospekt der Schattenspringer GmbH. HanseRock. Hochseilgarten Hamburg. Der Kletter-&-Abenteuer-Spaß in Hamburg. [2013]. 15 Nordwandhalle Betriebsgesellschaft mbH. Nordwandhalle – Nachhaltigkeit [www.nordwandhalle.de/nordwandhalle/?ID=92#Focus]. 16 Vgl. Andrea Ubben: igs-Park wird vorerst zugemacht, in: Der neue Ruf vom 9.10.2010, S. 1. 17 igs internationale gartenschau hamburg 2013 gmbh. Basisinformation. ParkSport – Eine Gartenschau, die bewegt. Hamburg 2012, S. 1.

 
suggerieren, dass Plätze für Kids neu entstehen würden, entbehrt jeder Grundlage: Verschwiegen wird dabei, dass der igs-Hauptspielplatz Jules Verne – benannt nach einem Literaten, der nicht nur der meistübersetzte französische Schriftsteller, sondern auch ein Antisemit war – direkt auf einen bereits bestehenden Spielplatz gesetzt wurde, den selbst die Lokalpresse schwärmerisch »zu den größten und schönsten seiner Art im Stadtteil«18 zählte, der aber nun für mindestens anderthalb Jahre für die Kids alternativlos gesperrt ist.
Das als innovativ verkaufte ParkSport©-Konzept, das als eine Neuauflage der Trimm-Dich-Bewegung der 1970er Jahre »Impulse sowohl für die städtische Freiraumgestaltung, als auch für die Nutzung von Grünräumen und Parks«19 setzen soll, ist eingebunden in die »Dekadenstrategie für den Hamburger Sport«.20 Dieser Zehn-Jahres-Plan ist weniger dazu gedacht, Herzinfarkte oder Übergewicht der Bevölkerung zu reduzieren, sondern soll über eine zunehmende Eventisierung und Kommerzialisierung des Sports Hamburg als attraktiven Olympiastandort aufstellen. So deutete auch Bürgermeister Olaf Scholz im Sommer 2012 an: »Wir haben eine Dekadenstrategie entwickelt, um Hamburg beim Sport langfristig eine Perspektive zu geben. Eine dieser Perspektiven könnte später eine Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer Spiele sein.«21
Womit wir wieder auf dem igs-Gelände in Wilhelmsburg angelangt wären: Schon in der Olympiabewerbung 2002 war eine pfiffige »Doppelnutzung der Halle«22 zunächst für den olympischen Bahnradsport, dann für die Gartenschaublümchen vorgesehen. Mit kleinen Änderungen im Detail (veränderte zeitliche Abfolge der Events, Basketball statt Bahnrad) ist der Stadtteil also bestens für Olympia aufgestellt. Und wenn der Park dann in einigen Jahren nur noch von Natur und Anwohner_innen heimgesucht wird, sich also – um es mal abwertend zu sagen – zu einer »Brache« entwickelt hat, könnte er doch prima durch den Bau einer olympischen Stadionstätte aufgewertet werden. Die Bevölkerung: zerplatzte Seifenblasen
18 Christopher v. Savigny: Spielen kostet hier bald Eintritt, in: Elbe Wochenblatt, Ausgabe Wilhelmsburg vom 8.5.2012, S. 1. 19 igs internationale gartenschau hamburg 2013 gmbh. Das Konzept »ParkSport – besser draußen!« [http://www.igs-hamburg.de/inselpark/parksport]. 20 Zukunftskommission Sport. HAMBURGmachtSPORT. Eine Dekadenstrategie für den Hamburger Sport. Hamburg 2011. 21 Rainer Grünberg: Was wäre, wenn Hamburg Olympia ausgerichtet hätte, in: Hamburger Abendblatt vom 21.7.2012. 22 Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vom 30.4.2002, Drucksache 17/2012, S. 30; hierin als Anlage enthalten: »Bewerbungskonzept für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2012 in Hamburg«. Mit diesem Konzept wollte Hamburg bereits 2002 zum Teilsprung über die Elbe, genauer: über die Norderelbe, ansetzen, denn die wichtigsten olympischen Einrichtungen sollten sich auf die Bereiche nördlich und südlich der Norderelbe (HafenCity und Kleiner Grasbrook) konzentrieren. Zur großen Erleichterung der kritischen Geister in der Stadt scheiterte Hamburg mit der Bewerbung und verpasste – wenigstens vorläufig – »einen Quantensprung in seiner Entwicklung« (Grünberg, a.a.O.).

 
In der bereits erwähnten Mitteilung an die Bürgerschaft aus dem Jahre 2004 formulierte der Senat einen Köder für die Bewohner_innen: »Die vorgesehenen dauerhaften Veränderungen baulicher und wirtschaftlicher Strukturen in Wilhelmsburg durch die Vorbereitung der IGS Hamburg 2013 und die Folgenutzungen von Teilflächen werden erheblich zur Verbesserung der dortigen Beschäftigungssituation und der Lebensqualität beitragen.«23
Der Lockruf »Arbeitsplätze« war bereits auf einer Werbeveranstaltung vor Ort im Januar 2001 vom damaligen grünen Umweltsenator Alexander Porschke ausgestoßen worden: 1.400 Dauerarbeitsplätze für Wilhelmsburg, zusätzlich 8.800 befristete Jobs während der Ausstellung.24 Diese Zahlen waren völlig aus der Luft gegriffen und wurden im Laufe der Jahre stetig nach unten korrigiert. Übrig geblieben sind einige (Selbst-)Ausbeutungsmöglichkeiten, die auf sechs Monate befristet sind: Selbstständige, die, nachdem sie einen selbstfinanzierten Lehrgang absolviert haben, ausreichend lange als Gästeführer_innen über das Gelände ziehen können, »sodass die Teilnahmegebühr durch den Einsatz auf der igs 2013 refinanziert werden kann«25; Angestellte, die sich als »igs-Maskottchen Felix« zum Deppen machen; Einsatz in der touristischen Massenverköstigung zu brutalen Arbeitszeitkonditionen und mieser Bezahlung. Von einer erheblichen Verbesserung der Beschäftigungssituation kann also keine Rede sein, entsprechend vermutete auch das IBA/igs-Beteiligungsgremium im Mai 2012: »Die Entwicklung der Arbeitslosenstatistik legt den Verdacht nahe, dass IBA und igs keine positiven Entwicklungsimpulse setzen konnten.«26
Auch die versprochene Verbesserung der Lebensqualität ist noch nicht eingetreten, im Gegenteil: gesperrte Grünanlagen, jahrelange Großbaustellen mit dem dazugehörigen Chaos, Lärm und Dreck. Insbesondere die Verkehrsinfrastruktur scheint immun gegen Verbesserungen, wenngleich es einige Neuerungen gab. So wurde mit viel Mühe, Baggern und Naturzerstörung eine neue Barkassenverbindung zum igs-Gelände, der sog. Neuen Mitte, geschaffen – aber nicht für den schmalen Geldbeutel der Bewohner_innen (12 Euro kostet eine einfache Fahrt).27 Dann wurde nach Jahren der Abstinenz die alte Fährverbindung nach Wilhelmsburg für eine zweijährige Probezeit zu neuem Leben erweckt – kostengünstig und schnell, aber eher selten. Denn die Linienbetreiberin HADAG hat nur noch zwei Schiffchen, die flach genug sind, um die Brücken zu unterqueren. Und so kam an manchen Tagen wegen technischer Probleme auch

23 Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft vom 13.1.2004, a.a.O., S. 2. 24 Vgl. Gernot Knödler: Schöner wohnen in Wilhelmsburg, in: taz hamburg vom 19.1.2001. 25 Edda Teneyken. igs-Gästeführer gesucht, in: Der Neue Ruf vom 24.3.2012, S. 12. 26 Ergebnisprotokoll der 65. Sitzung des IBA/igs-Beteiligungsgremiums vom 22.5.2012, S. 2. 27 Ob diese touristische Anreisemöglichkeit tatsächlich angeboten wird, ist kurz vor Eröffnung der Gartenschau ungewiss. Denn im Januar 2013 haben die in der Arbeitsgemeinschaft igs-Schiff versammelten Barkassenunternehmen nach drei Jahren Planung plötzlich die Unrentabilität des Projekts festgestellt und sich aus dem Vorhaben verabschiedet. Vgl. Barkassenbetreiber lehnen Liniendienst zur Gartenschau ab, in: Hamburger Abendblatt vom 15.1.2013, S. 12.

 
schon mal keine Fähre – sehr zur Enttäuschung der hoffnungsvoll-aufgekratzten Wilhelmsburger_innen, die vergeblich auf dem kalten, vereisten Anleger ausharrten.28 Also bleibt das Hauptverkehrsmittel im öffentlichen Nahverkehr die S-Bahn, und auch hier gibt es Neuerungen: Um die Hochglanzbilder der igs/IBA auf die Realität zu projizieren, wurde der alte Bahnhof samt Fahrstuhl, Treppe usw. abgerissen und neu gestylt – Pech für diejenigen, die mit Kinderwagen oder Rollator unterwegs waren, denn für sie war der Bahnhof mehrere Jahre völlig unbrauchbar. Ansonsten hat sich bei der S-Bahn nichts verändert: Um die Züge auch weiterhin bis auf den letzten Kubikmillimeter auszulasten, werden auf absehbare Zeit weder längere Züge eingesetzt noch die Taktfrequenz erhöht – so viel zum Stand der angeblich erheblichen Verbesserung der Lebensqualität.
Von der igs wurde den Bewohner_innen aber noch etwas anderes versprochen: Sie sollten an den zukunftsweisenden Vorhaben beteiligt werden, denn Beteiligung wird auch bei Gartenschauen ganz groß geschrieben, wie der Geschäftsführer der DBG, Jochen Sandner, ausführte: »All das funktioniert nur in Partizipationsvorgängen. Dafür bringen wir die Bürger, die Politiker, die Wirtschaft und die Kultur an einen Tisch.«29 Um diesen Tisch zu besetzen, wurde – gleich in einem Abwasch gemeinsam mit der IBA – das IBA/igs-Beteiligungsgremium geschaffen. Seit Dezember 2006 tagte dieses Gremium dann zwar regelmäßig, aber wenig erfolgreich und stellte rückblickend im Mai 2012 ernüchtert fest: »Der Begriff Multiplikatorgremium hätte besser gepasst als Beteiligungsgremium.«30 Der Illusion von Beteiligung folgte die Erkenntnis, dass der einzige Zweck solcher Institutionen die Akzeptanzbeschaffung für bereits beschlossene Maßnahmen ist.
Akzeptanzbeschaffung für bereits beschlossene Maßnahmen ist.
Als preisgekröntes Vorzeigemodell der igs-Bürger_innen-Beteiligung wurde monatelang ein neuer Kiosk auf dem Parkgelände, die Willi-Villa,31 in der Lokalpresse gefeiert – eine Sternstunde der Beteiligung: Nachdem der Stadtteil durcheilt, einige Interviews geführt und weitere Gespräche beendet waren, durften 30 Wilhelmsburger_innen (immerhin: 0,06 Prozent der Bevölkerung) in einer Projektwerkstatt den zwölf aus Braunschweig angereisten Architekturstudierenden Stichwörter für ihre Entwürfe zuwerfen. Sodann begaben sich die Entwürfe auf eine Wanderung durch das Quartier, damit alle mal gucken konnten. Dies hatte natürlich ebenso wenig Einfluss auf die Entscheidung der Jury für den »Siegerentwurf« wie die
28 Vgl. Angela Dietz: Fehlstart bei neuer Fährlinie 73, in: Elbe Wochenblatt, Ausgabe Wilhelmsburg vom 19.12.2012, S. 1f; Edda Teneyken: Wo blieb die Fähre?, in: Der Neue Ruf vom 15.12.2012; Ralf Junge: Brücke, nein danke, in: Elbe Wochenblatt, Ausgabe Wilhelmsburg vom 19.12.2012, S. 8. 29 Edda Tenyken: Auch nach 2013 alles nutzen, in: Der Neue Ruf vom 15.09.2012, S. 16. 30 Ergebnisprotokoll der 65. Sitzung des IBA/igs-Beteiligungsgremiums vom 22.5.2012, S. 1. 31 Vgl. igs internationale gartenschau hamburg 2013 gmbh (Hg.): Willi-Villa – Ein Kiosk der Kulturen. Hamburg 2010.

 
Bitte des IBA/igs-Beteiligungsgremiums, den als »unpassend« empfundenen albernen Namen für den Kiosk zu ändern.
Schließlich dürfen die »Beteiligungsgärten« nicht unerwähnt bleiben.32 Zwei der 80 Ausstellungsgärten sind in Kooperation mit Wilhelmsburger Schulen gestaltet worden: In den Gärten »Heimat« und »Sit down« buddelten und gruben, sägten und hämmerten Schüler_innen ihre Vorstellungen unter Anleitung eines Berliner Landschaftsarchitekturbüros in die Gegend. Eigentlich eine gute Sache, hatte allerdings auch wieder nicht viel mit »der« Bevölkerung, ja nicht einmal mit den Schüler_innen zu tun. Denn nur zwei von 14 Schulen wurden einbezogen, diese wiederum auch nur ausschnittsweise, sodass sich in den beiden Gärten nur vier Klassen tummelten. Das Ausmaß der Beteiligung hielt sich also auch hier in Grenzen.
Obwohl? Zumindest eine weitere Klasse muss an dieser Stelle noch erwähnt werden: die ehemalige 2c der Gesamtschule Wilhelmsburg. Diese kleinen Racker waren ebenfalls zum Kooperationsobjekt auserkoren worden, und so stiefelten sie 2008 fröhlich in den Park, um mit einer symbolischen Geste, »Daumen hoch/runter«, darüber zu befinden, was hier »schön und erhaltenswert« bzw. was »unschön und zu verändern« sei. Als die igs dann aber zum großen Kahlschlag ausholte, der auch die Bäume traf, die zuvor von den Kids als »schön und erhaltenswert« eingestuft worden waren, und als ihr Fischreiher Fritzi die Flucht antreten musste, weil die igs sein Revier zerstört hatte, war es mit der Kooperation vorbei. Die Klasse 2c kündigte die Zusammenarbeit mit der igs auf!33 Dieser konsequente Schritt sollte so manchem Erwachsenen zu denken geben.
32 Vgl. igs internationale gartenschau hamburg 2013 gmbh. Dokumentation Beteiligungsgärten [http://www.igs-hamburg.de/gartenschau/welt-der-kulturen/beteiligungsgaerten/dokumentation-beteiligungsgaerten]. 33 Vgl. Jochen Gipp: Gesamtschule: igs – wir machen nicht mehr mit, in: Hamburger Abendblatt vom 20.4.2010.

 

Quelle: IGS 2013 Artikel