Der Kienberg – Von der Großdeponie zum Freizeitpark (Teil I)

Der Kienberg
Von der Großdeponie zum Freizeitpark –
Berlins Umgang mit Altlasten

Teil I, 31.8.2015

Während noch in den 1990er Jahren Sozialer Wohnungsbau auf kontaminierte Böden gesetzt wurde, werden neuerdings Freizeitparks, Sport- und Spielstätten auf die Verdachtsflächen gebaut. Die Bevölkerung ist wenig oder gar nicht über den tatsächlichen Zustand der Böden und des Grundwassers informiert, so dass kaum jemand dagegen aufbegehrt. Den zuständigen Behörden sind die Schadstoffbelastungen bekannt, doch mit der Sanierung der Flächen sind sie überfordert. Die stillgelegten Deponien im Berliner Stadtgebiet sind tickende Zeitbomben, wovor man nur allzu gerne die Augen verschließt. Wie konnte es so weit kommen?

Die Aktenlage

Die Wuhle (nebst ihrer angrenzenden Gewässer) im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf fließt an 3 stillgelegten Deponien (Ahrensfelder Berg, Kienberg, Biesdorfer Höhe) vorbei und durch ehemalige Rieselfelder. Im Landschaftsprogramm 1994 des Berliner Senats, S. 37/38 heißt es: “Hierfür sowie für alle unbebauten, ehemaligen Rieselfelder ist aufgrund der Schadstoffbelastung durch die Abwasseraufleitungen ein umfassendes Monitoringprogramm durchzuführen, das Boden, Pflanzen, Grund- und Oberflächenwasser einschließt.“ „Für sensible Nutzungen wie Kinderspielplätze oder nutzungsintensive Erholungsflächen sollen sowohl im Bestand als auch bei der Planung verstärkt Bodenuntersuchungen vorgenommen werden, um eine Gefährdung auszuschließen.“

Bei den dargestellten Deponien handelt es sich um Hausmüll- und Bau-/Trümmerschuttdeponien, bei denen eine frühere Ablagerung von Sonderabfällen nicht ausgeschlossen werden kann. … Fehlende Kenntnis über die Schadstoffe erfordern eine ständige Grundwasser- und Bodenüberwachung.“

Im Vorentwurf zum Landschaftsplan „Rohrbruchpark“ 1992/1993 (nicht beschlossen – das Gelände ist derzeit ohne L-Plan) heißt es zum Thema „Altlastenverdacht und Bodenbelastung“ auf S. 7: „Das Altlastenverdachtskataster des Senats … weist im Wuhletal Verdachtsflächen aus. Insbesondere der Erdaushub des Wuhleteichs, der nördlich der Cecilienstr. abgelagert wurde, ist mit Arsen und Quecksilber belastet. Darüber hinaus ist von einem Gefährdungspotential für das Wuhletal durch den Kienberg … auszugehen. Zusätzlich besteht der Verdacht auf Bodenverunreinigungen durch vereinzelte Ablagerungen von Fässern usw. auf dem Gelände.“

Weiter heißt es auf S. 61-63: „Um die natürlichen Funktionen der Böden wieder herzustellen, ist ein großflächiges Abräumen der Ablagerungen dringend erforderlich.“

Aufgrund der Vornutzung muß in einzelnen Bereichen mit erhöhtem Gefährdungspotential durch Altlasten wie Schmierstoffen, Schwermetallen oder Teeren im Boden ausgegangen werden.“

In den Sedimenten der Oberflächengewässer, des Wuhlekanals und des Regenrückhaltebeckens sind toxische Einlagerungen in unterschiedlicher Konzentration vorhanden bzw. zu vermuten. Auch der Rohrbruch kann aufgrund seiner ehemaligen Nutzung als Nachklärbecken ggf. belastet sein. Eine regelmäßige Überprüfung ist daher notwendig. Die Sedimente sind fachgerecht zu entsorgen.“

Das Grundwasserüberwachungsprogramm (Datenerhebung der HPL-Umwelt-Consult GmbH bis 2002) gibt von 74 Messungen auf die Leitfähigkeit des Grundwassers rund um den Kienberg 4 als extrem stark belastet und 19 als stark belastet an. Auch die Prüfwerte der Parameter AOX, Bor, Chlorid und Sulfat sind erhöht bzw. stark erhört.

Der Auszug 02.05 „Verschmutzungsempfindlichkeit des Grundwassers (1993)“ aus dem Umweltatlas des Berliner Senats warnt „dass bei weiterer Kontamination von Grundwasser keine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ gutem Trinkwasser mehr gewährleistet werden kann.“ Speziell zur Barnim-Hochfläche heißt es auf S. 6 „So durchbrechen die durch Schmelzwasser geschaffenen Rinnensysteme wie die Wuhle … die schützende Geschiebemergeldecke und ermöglichen das Eindringen von Schadstoffen, die durch die Grundwasserfließ- und –strömungsverhältnisse weitreichend (auch in tiefere Grundwasserleiter) verteilt werden können.“

Die Wuhle weist … ein hohes Gefährdungspotential auf. … Trotzdem wurden jahrelang entlang der Wuhle Hausmüll, Trümmer, und Bauschutt verkippt Ahrensfelder- und Kienberg-Kippe, Trümmerberge von Biesdorf), deren genaue Zusammensetzung weitgehend unbekannt ist. Dadurch wurden und werden Schadstoffe durch Niederschlagswasser gelöst und in die Wuhle eingetragen. … Die Wuhle, die nördlich von Ahrensfelde beginnt, überträgt durch ihre Verbindung mit der im Urstromtal gelegenen Spree diese große Schadstoffbelastung auf weitere hoch verschmutzungsempfindliche Bereiche.“

Augenzeugen aus den 1980er Jahren berichten vom unkontrollierten Ablagern von Abfall jeglicher Art, auch durch Westberliner Baufahrzeuge, von alten Vergasungsanlagen auf dem Kienberg, verseuchten Brunnen, der Erstbepflanzung der Kippe durch das Ostberliner Grünflächenamt unter Einsatz von Gasmasken etc.

2 Jahrzehnte später wird die Aktenlage völlig neu erfunden

Der Stadtrat für Wirtschaft und Stadtentwicklung des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf, Christian Gräff, erklärt im Schreiben vom 31.3.2015 an die Bürgerinitiative Kienberg-Wuhletal. „Der Kienberg ist keine Groß-Deponie. Dementsprechend gibt es auch keine ständige Überwachung.“

Der Bauherr und derzeitige Nutzer des Kienberges, die Grün Berlin GmbH, erklärt in seinem Schreiben vom 2.4.2015: „Beim Kienberg handelt es sich nicht um eine Deponie im Sinne des Abfallrechts, so dass deponiebezogene Pflichten nicht mehr bestehen. Es handelt sich um eine sog. „Altablagerung“, die seit vielen Jahren von den zuständigen Behörden (Senatsverwaltung, später Umweltamt des Bezirks) unter Geltung des Bundesbodenschutzgesetzes bewertet wird. Bisher sind keine Gefahren oder Belastungen bekannt, die die von Ihnen gewünschten Überwachungen und entsprechenden Belege erforderlich erscheinen lassen könnten.“

Das bezirkliche Umweltamt versichert mit Schreiben vom 26.1.2015: „Zu Ihrer Befürchtung, dass es im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen zur Freisetzung von gesundheitsschädlichen Substanzen und Umweltgiften kommt und dass diese sowohl in die Atemluft als auch in das Grundwasser gelangen könnten, kann ich Ihnen mitteilen, dass derzeit keine Veranlassung zur Sorge besteht. Soweit bei Baumaßnahmen Hinweise auf Altlasten auftauchen oder Altlasten aufgedeckt werden, werden diese geprüft und wo erforderlich fachgerecht entsorgt. Gefährdungen für Atemluft oder Grundwasser sind dabei bisher nicht aufgetreten.“

Die Akteneinsicht in das Bodenbelastungskataster des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf am 18.6.2015 ergab, dass dort keine Unterlagen zum Kienberg, dem angrenzenden Wuhletal und dem Friedenspark vorlagen – mit Ausnahme der separat überreichten Kopien vom Grundwasserüberwachungsprogramm aus dem Jahre 2002. Der Mitarbeiter Herr Noske erklärte, dass er keine weiteren Unterlagen zum benannten Landschaftszug besitzt.

Die Akten wurden nachweislich 2002 vom Berliner Senat an das bezirkliche Umweltamt übergeben. In den Akten befand sich auch die Gefährdungseinschätzung des Kienberges.

Die aktuelle Situation

Im April 2014 wurde der Landschaftszug Kienberg-Wuhletal-Friedenspark der Grün Berlin GmbH zur Nutzung überlassen. Hier wird die Internationale Gartenbauausstellung 2017 (IGA 2017) stattfinden. Im Anschluß daran wird der Kienberg ein Volkspark und das Wuhletal ein Landschaftspark mit intensiver Erholungsnutzung und z. T. landwirtschaftlicher/gärtnerischer Nutzung.

Im November 2014 begannen die Baumaßnahmen inkl. großflächiger Baumrodungen auf dem Kienberg (mind. 7 ha). Böden werden versiegelt und mittels Rammen verdichtet, Tiefenbohrungen führen bis 20 m in die Tiefe. Erdaushub in großen Mengen wird im Gelände verteilt bzw. abtransportiert. Auf dem Kienberg sind dabei alte Fässer, Autoreifen, Karosserieteile, Bauschutt, Asbest u.v.a.m. zu Tage getreten.

Der Grundwasserspiegel wird durch Abpumpen gesenkt, damit die Baumaßnahmen für den Brückenbau reibungslos verlaufen. Teile der Alten Wuhle nördlich und südlich des Wuhleteiches sind trocken gefallen. Sie besteht streckenweise nur noch aus eine Aneinanderreihung öliger Pfützen.

Es entstehen Spiel- und Sportplätze, Aufenthaltsbereiche, Gastronomie, Brückenbauten, eine Seilbahn u.v.a.m. Obwohl das Planungsgebiet zum unbebauten Außenbereich gehört, wurden keine Bebauungspläne aufgestellt. Das Planfeststellungsverfahren für die Seilbahn läuft noch.

Die Nutzungsart wird von extensiver Erholungsnutzung auf intensive Erholungsnutzung, z.T. auch gärtnerische und landwirtschaftliche Nutzung geändert, ohne einen Landschaftsplan aufzustellen. Landschaftsplanerische Gutachten, Umweltverträglichkeitsprüfungen etc. sind nicht vorhanden.

Darüber hinaus gibt es Pläne für Baumaßnahmen auf anderen ehemaligen Deponien (z.B. Ahrensfelder Berge), bei denen die gleiche Problematik auftritt.

Befürchtungen

  • Austritt von Schadstoffen in die Luft und das Grund-/Oberflächenwasser

  • Die Fließrichtung der Grundwasserleiter und der Oberflächengewässer verläuft Richtung Süden in die Spree; vorbei an Trinkwasserschutzgebieten und Wasserwerken und vielen privaten Trinkwasserbrunnen.

  • Das Planungsgebiet grenzt an Wohngebieten. Der Staub der Tiefbauarbeiten dringt durch die geöffneten Fenster. Der Erdaushub lagert teilweise direkt an den Grundstücksgrenzen zu den Einfamilienhäusern bzw. nur 30 m von Wohnblocks der Plattenbausiedlung entfernt.

  • Gefährdung der Gesundheit der Anwohner

  • Gefährdung bzw. nachhaltige negative Beeinträchtigung der Schutzgüter Boden, Luft, Wasser, Flora/Fauna und der Biodiversität.

Unsere Forderungen

keine weiteren Baumaßnahmen

– flächendeckende und detailgenaue Untersuchung des Planungsgebietes sowie des Grund-, Sicker- und Oberflächenwassers auf Schadstoffe

fortlaufendes Monitoring der stillgelegten Deponien, Altlastenablagerungen und Verdachtsflächen sowie der Gewässer

– die vollständige lückenlose Offenlegung der Untersuchungsergebnisse

– notwendige Sanierung der belasteten Gebiete

keine Einleitung von belastetem Wasser in die Wuhle

termingerechte Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie

dauerhafte Sicherung der Schutzgüter Wasser, Boden, Luft, Flora und Fauna sowie der Biodiversität.

Der Umgang mit Altlasten in unserer Stadt ist allzu leichtfertig. Umweltgefahren und Gesundheitsrisiken werden billigend in Kauf genommen. Der Stellenwert zweifelhafter Prestigeprojekte wird noch immer höher eingeordnet als der unserer Schutzgüter, die nichts weniger als unsere Lebensgrundlage darstellen.